Predigt

Lesung aus dem Brief des Heiligen Paulus an die Römer(Röm 14,7-12)

Schwestern und Brüder, keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende. Wie kannst also du deinen Bruder richten? Und du, wie kannst du deinen Bruder verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Denn es heißt in der Schrift: So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir wird jedes Knie sich beugen und jede Zunge wird Gott preisen. Also wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst ablegen.

Wort des lebendigen Gottes.

Alle: Dank sei Gott

Aus dem Heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 25,31 – 40)

Jesus sprach: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. 

Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 

Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder, Familie und ehemalige Schülerinnen und Schüler von Franz-Josef, oder von Glorie, wie ihn alle Welt liebevoll nannte,

das Sterben ist der Moment – und der Schritt im Leben des Menschen, vielleicht der einzige, den wir ganz alleine gehen müssen. Da können Menschen am Sterbebett dabei sein. Aber den Blick zurück auf das Ganze des eigenen Lebens und dann der Schritt über die große Schwelle, mit all dem, was man da sieht, den muss jeder von uns ganz alleine gehen. Ich denke, das ist der tiefere Grund, warum sich viele Menschen vor dem Tod fürchten. Hier wird deutlich, wie das Gegenstück unserer Freiheit unsere existentielle Einsamkeit ist. Und dann sich der eigenen Wahrheit stellen müssen. Und ich glaube, das ist der existentielle Hintergrund, vor dem alle Bilder stehen, wie das Bild des letzten Gerichts, das Jesus uns im heutigen Evangelium vor Augen stellt.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist die Aufforderung des Paulus, nicht über die anderen zu richten, dann für uns selbst am Nötigsten. Denn die Frage ist, was lassen wir dann selbst noch gelten von unserem Leben? Was hat Bestand? Wenn wir oft dem Gedanken an den Tod oder das Sterben ausweichen, liegt das nicht auch daran, dass wir diesem letzten Blick auf unser Leben ausweichen wollen. Denn oft sind, wenn es darauf ankommt, Menschen plötzlich die härtesten Richter ihrer selbst. Da muss man ihnen nicht, wie das leider allzu lange in der Verkündigung geschehen ist, ihnen auch noch Angst machen vor einem Gericht. Franz-Josef hat Menschen keine Angst gemacht in der Verkündigung. Er hat die frohe Botschaft verkündet.

Franz-Josef war Lehrer. Und Schule bringt ganz oft jene Art Situationen im Kleinen hervor, die ich eben geschildert habe. Allein vor dem Lehrer stehen, sich fragen, ob ich mit dem, was ich kann bestehe … Ich denke, es ist nicht umsonst, dass man beim Hören der Gerichtsgleichnisse sich unwillkürlich an Situationen der Schulzeit erinnert fühlt. Und doch verkörpert Franz-Josef in vielem eben, dass es auch ganz anders geht: Aus Franz-Josefs Generation sind eine ganze Reihe Mitschüler in den Orden eingetreten. Einer der Mitbrüder aus dieser Generation hat mir einmal erklärt, das habe nicht zuletzt daran gelegen, dass die Vaterlosen Jungs da nach dem Krieg junge Väter statt ihrer gefallenen gefunden hatten in den Jesuiten. Denn diese hatten die Nationalsozialisten als Wehruntauglich und unzuverlässig nach Hause geschickt. Junge Väter also, mit denen man Fußball spielen konnte etc. Auch wenn das für Franz-Josef selbst so direkt nicht galt, so fand doch auch er mit diesen Kameraden im Canisius-Kolleg ein Zuhause – ein Zuhause, an dem man erst noch selbst mit bauen musste. Er klopfte mit den Klassenkameraden die Dachziegel für seine, für unsere Sporthalle. 1953 machte er dann Abitur. Danach gab es einige kleine Abstecher, zuerst eine Ausbildung als Journalist, die Mitarbeit an der Zeitung Telegraph und dann die Ordensausbildung, die in verschiedenen Stationen über Falkenburg nach München und Innsbruck führte. Aber im Kern verbrachte Glorius sein Leben am und um das Canisius-Kolleg.

Das ist ganz untypisch für einen Jesuiten. Und auch für einen Schüler mit einer durchwachsen glücklichen Schulvergangenheit, wie mich, ist das als freiwillige Lebensperspektive eher schwer vorstellbar. Aber man muss wohl sagen, dass diese Schule für ihn ebenso zur Berufung geworden war wie der Orden. Für Franz-Josef war eine der wichtigen Kategorien, ob Menschen zu den „Unsrigen“ gehörten. Das könnte man snobistisch oder elitär oder eng verstehen. Aber bei Franz-Josef war es eher der Ausdruck einer tiefen Loyalität zu einer Gemeinschaft, die ihm ans Herz gewachsen war. Wer einmal sein Schüler war, den vergaß Franz-Josef nicht. Noch nach Jahren erinnerte er sich auf Anhieb nicht nur an Namen, sondern auch an Verwandte, Väter, die selbst auf der Schule waren, an Interessen und und und … Wenn man einmal zum Kreis derer gehörte, die Franz in diese seine Familie adoptiert hatte, dann erhielt man dicke Briefe mit ausgeschnittenen Zeitungsartikel, die Franz-Josef für einen bewahrt hatte, weil er sich erinnerte, dass man sich dafür interessiert. Diese Artikel waren dick bunt angemalt, damit man das Bedeutsame nicht übersah, kommentiert durch persönliche Anmerkungen. Die eigentlich Botschaft darin war aber: „Ich denke an Dich!“ Man wusste, da hatte einer einen im Blick.

Das zeichnet auch den Lehrer Franz-Josef Glorius aus. Jahrelang ach was Jahrzehnte lang stand er an der Bushaltestelle Tiergartenstr und wachte über die Schüler, damit Ihnen auf dem Weg zum Bus nichts zustand. Deshalb kannten so ziemlich alle Busfahrer Berlin Franz-Josef. Er passte auf, dass die Älteren sich nicht gegen die Jüngeren durch setzten und sich vordrängelten. Und rannte einer bei Rot leichtsinnig über die Straße, dann konnte es ihm passieren, dass Franz-Josef schon vor ihm daheim war, um ihn vor den Eltern für seinen Leichtsinn zur Rede zu stellen. Es muss nicht immer angenehm sein, wenn da einer ist, der ein Auge auf einen hat und alle kennt. Aber auf Dauer vergisst man es eben auch nicht; Auf Dauer dachten viele ehemalige Schüler, das habe ich in der letzten Zeit viel erfahren dürfen, dankbar zurück an diesen Menschen, der die, die ihm anvertraut und wichtig waren, nie aus den Augen verlor. Es ist eine sorgsame Aufmerksamkeit, die das Gegenteil des Blicks eines strengen, strafenden Richters ist. So eignet sich der Lehrer Franz-Josef selbst als Gegenbild, eine andere Parabel als die des strafenden Richters, der mit unbarmherziger Härte auf die blickt, die mit ihm konfrontiert sind. Es kann wohltun, angeblickt und gekannt zu werden, wenn es in Liebe und Wertschätzung geschieht. Man ist bewahrt in den Gedanken und Gebeten eines Menschen, für den man zählt. Und das hat auch eine religiöse Dimension: Bei Franz war man im Gebet aufgehoben. Da merkte man seine tiefe Verbindung zum Eichsfeld, wo heute noch viele seiner Cousins und Cousinen leben. Und das alles ist sicher ein Grund, warum hier heute so viele Menschen versammelt sind, die sich voll Dankbarkeit an Franz-Josef erinnern.

Ich gebe zu, dass hier für mich die zwei Seiten einer Medaille liegen: Denn Franz-Josef verkörperte offenbar immer diese warme, freundliche Seite der Schule, auch in den dunklen Zeiten, über die wir die letzten Jahre viel lernen mussten. Nie hörte ich ein schlechtes Wort über ihn. Und doch: Wie konnte man es sich dauerhaft in einem Zuhause einrichten, in einer Umgebung, die einem selbst so hart war, dass man lieber seine Mittage an der Bushaltestelle verbrachte, als mit den Mitbrüdern zu essen? Aber das war Franz-Josef eben nie: Einer, der die Grundfrage stellte oder das System in Frage stellte. An dieser Stelle haben wir in den letzten Jahren auch gekämpft und miteinander gerungen, das möchte ich nicht verhehlen. Da kommt man auch an Grenzen des gegenseitigen Verstehens, wie das so ist in einem Mehrgenerationenprojekt wie dem Orden. Franz-Josef sorgte sich um die Schüler auf seine Weise und mit vollem Einsatz. Die Familie als Ganzes stellt man nicht in Frage. Und wie immer, wenn Generationen an Verstehens-Grenzen stoßen, waren die Konflikte nicht leicht, für niemanden. Keine leichte Zeit aber auch für Franz-Josef Glorius.

Ich habe gesagt, dass Franz-Josefs Leben untypisch für einen Jesuiten war: „Jesuiten leben in Zelten, nicht in Häusern“. Als Franz-Josef in den letzten 25 Jahren seines Lebens zuerst die Schule verlassen musste, um Krankenhausseelsorger zu werden. Aber auch, als er das St, Gertraudenkrankenhaus Richtung Helene-Weber Haus verließ und schlussendlich, als er von dort nach Kladow zog. Immer kam es dazu, dass viele der Menschen, für die er sich eingesetzt hatte, es ganz undenkbar fanden, dass er tatsächlich gehen sollte. Man könne ihm das nicht zumuten. Vor allem aber sei er auch gar nicht ersetzbar. So schallte es bei jedem Abschied den unterschiedlichen Provinzialen entgegen. Es waren schwere Abschiede! Jeder!

Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, dass dies zwei Dinge über Franz-Josef zeigte. Er hatte die Gabe, den Menschen zu zeigen, dass er bei ihnen ganz zu Hause sei, genau hierher gehörte und nirgends sonst. Und er hatte die Gabe als Seelsorger, immer da – und immer verfügbar zu sein. Beides waren Geschenke, die Franz-Josef einbrachte, wo immer er sich engagierte. Beides sind bleibende, schöne Geschenke, die man Menschen machen kann. Wir können voll Dankbarkeit heute dahin schauen. Am Ende war Franz-Josef aber doch ein echter Jesuit. Ich habe mit ihm gerungen, als der Abschied aus dem Helene-Weber-Haus anstand. Wir wollten, dass im Kreis der Mitbrüder leben konnte, behütet und gut aufgehoben. Ich konnte so gut verstehen, wie schwer ihm dieser letzte Schritt aus seinen vielfältigen Engagements fiel. Und es hat mich als viel Jüngeren sehr bewegt, wie loyal und voll Vertrauen in die Gemeinschaft er am Ende einwilligte. Lieber Franz-Josef, dafür danke ich Dir heute noch einmal persönlich an Deinem Grab.

Liebe Schwestern und Brüder, Franz-Josefs Welt war in Vielem überschaubar und klar konturiert: Die Mauer am Ende der Tiergartenstraße prägte sein Weltbild ebenso wie sein Beten im Hochgebet für den armen Kardinal, der auf der anderen Seite der Mauer eingesperrt war. Franz-Josef war gerne stolz auf die klugen Kinder, die seine Schüler waren und die es zu etwas gebracht hatten. Und doch brachte Franz-Josef auch eine Weite des Blicks mit in den Religionsunterricht – die Mission war ihm ein Anliegen, ebenso wie andere Lebenswirklichkeiten und soziale Wirklichkeiten, die er den Schülern über das Projekt des Bauordens und über Initiativen wie „Weihnachten im Knast“. Es ist eben doch der Nächste, der zählt, nicht nur die Familie, und sei sie noch so zentral im eigenen Leben. Und der Nächste ist eben der Mensch in Not, egal ob die Not nun selbstverschuldet ist oder nicht.

Ich glaube, lieber Franz-Josef, dass dem Schöpfer gefällt, was er sieht, wenn Du nun vor den ihn trittst. Also sei Du nicht strenger mit Dir als er es ist! Wir glauben, dass Du mit Ruhe vor ihn treten kannst, weil auch er Dich freundlich anschaut. Er hat nichts vergessen, aber nicht, um es gegen Dich zu verwenden, sondern weil er Dich eben immer gesehen hat, wie ein guter Pädagoge einen Schüler.

Natürlich denken auch wir heute wie alle bei allen Deinen Abschieden, dass das eigentlich nicht in Ordnung ist, dass Du noch bleiben müsstest, weil Du hierher gehörst, weil Du noch Briefe geschrieben hast, die wir nicht mehr beantworten konnten, weil so viel unerledigt ist, trotz 80 Jahren … Wir würden sogar wieder Briefe schreiben. Aber wir haben gelernt, dass das nichts nutzt. Und doch können wir Dich eigentlich doch gehen lassen. Du und wir, wir können beruhigt Dich diesen letzten Abschied nehmen lassen. Denn wir können sicher sein, dass Gott, den Ignatius auch einen guten Lehrer nannte, Dich behüten und gütig dahin geleiten wird, wo dann Dein wirklich endgültig – richtiger Platz sein wird, eine unvergängliche Heimat und Familie, die, für die Du Dich immer schon auf Deine Art und an Deinem Platz eingesetzt hast.

Lieber Franz-Josef, Gott behüt Dich und danke!

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